Der Rote Ortenauer

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Ohne Kultur wird‘s still.

Veröffentlicht am 29.03.2021 in Politik

Durch die Stilllegung des Kulturbetriebs wird zunehmend bewusst, was bislang nicht relevant war.
Von Dr. Jutta Hagedorn

„Ohne Kultur wird’s still“ mahnt ein Plakat in der Offenburger Innenstadt. Diese Stille ist derzeit mit allen Sinnen zu greifen. Dabei hat sich die kulturelle Szene in der Ortenau und der Region in den vergangenen 25 Jahren auf beeindruckende Weise entwickelt, ist kontinuierlich gewachsen.

Durch die Stilllegung des Kulturbetriebs wird zunehmend bewusst, was bislang nicht im Fokus stand. Ein Großteil des kulturellen Geschehens ist der Kreativität und des Engagements vor Ort geschuldet – ob nun kommunal, kommerziell oder privat: die „Kultursommer“, die Literatur- und Musikfeste und Konzertreihen, die musikalischen und künstlerischen Wettbewerbe und Auszeichnungen, die Ausstellungen und „offenen Ateliers“, die Theater- und Kabarettabende.

Welche Bedeutung dieses Engagement hat, lässt sich im Bereich der Musik gut demonstrieren. Die örtlichen Musikvereine bieten nicht nur Konzertabende zur Unterhaltung, sie bilden vor allem den musikalischen Nachwuchs aus, stellen die Instrumente. Im „Jugendsinfonieorchester“ der Musikschule bekommen junge Leute nicht nur die Möglichkeit aufzutreten, sie lernen auch das Spiel im Ensemble.  Ähnliches gilt für die Theater, die nicht nur unterhalten, sondern wertvolle sozialpädagogische Arbeit leisten und dem künstlerischen Nachwuchs eine Option bieten. Die Kunstschule wiederum ermöglicht jungen Menschen, die an bildender Kunst interessiert sind, Orientierung und Einblicke in das Ausstellungsgeschäft. Der Lockdown verhindert das nun. Mit sozialen Folgen, die noch nicht abzusehen sind.

In Oberkirch haben ansässige Künstlerinnen und Künstler mit ihrer Aktion „Kunst hilft“ etwas geschaffen, das weit über das Unterhaltende hinausgeht. 2020 konnte die Auktion der Arbeiten noch über das Internet erfolgen.

Die Stilllegung des Kulturbetriebs entzieht der Gesellschaft die Lebensfreude.

Die Lage der Theater ist ernst, vor allem der Privattheater. Mit Mitteln des Landes konnte das Theater Baden-Alsace Hilfsmittel kaufen, um sich virtuell zu präsentieren. Ein Ersatz für die Einnahmen ist das nicht. Auch das Theater der 2 Ufer finanziert sich zu etwa 60 Prozent aus den Einnahmen, die jetzt völlig wegfallen. Die staatlichen Subventionen machen das nicht wett. Das Illenau-Theater hat über die Onlineplattform Zoom ein Improvisationstheater ins Leben gerufen, um nicht aus der Übung zu kommen. Die eigentliche Theaterarbeit kann nicht stattfinden.  In Offenburg gab es 2020 noch 70 von 149 geplanten Veranstaltungen, für 2021 plant man erst ab März.

Sorge bereitet den Kunstschaffenden und Kreativen die Unsicherheit. „Wir machen Kultur mit angezogener Handbremse“, hatte die Regisseurin Annette Müller im Herbst gesagt. Sie sehe das aber auch als große Chance, neu zu denken in neuen Formaten. Ähnlich hatte sich Edgar Common in einem Interview geäußert: „Statt Gewissheiten und Bequemlichkeiten neue Beweglichkeit im Denken und Planen“. Denn „Stillstand ist der Feind der Kultur, nutzen wir also die Krise auf produktive Art“. Trotzdem ist die Angst da, an die Situation von vor der Pandemie nicht mehr anknüpfen zu können, wie in einer Telefonkonferenz mit Kunststaatssekretärin Petra Olschowski bereits im Herbst deutlich geworden war. Vor allem bei den Freischaffenden.

Dirigent Thomas Hengelbrock, der Leiter des Freiburger Balthasar-Neumann-Chores und -Ensembles sagte, „die Politik denkt zu kurz“, wirft den Politikern vor, die Entwicklung seit dem Sommer verschlafen zu haben.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters warnt Kommunen vor einer Haushaltssanierung auf Kosten der Kultur, der ehemalige Lahrer Kulturamtsleiter Gottfried Berger meinte dazu „schnelle Kürzungen bringen wenig, richten aber oft großen Schaden an“; er verwies darauf, das Budget für die Kultur sei in der Regel wegen seiner Geringfügigkeit nicht ausschlaggebend. Dennoch steht die Befürchtung im Raum, dass nach einer „Wiedereröffnung“ das Budget der Kommunen geringer ausfallen wird und somit auch das Angebot entsprechend verkleinert werden muss, sprich, dass es Veranstaltungs- und damit Verdienstausfälle gibt und diese nicht mehr kompensiert werden können.

„Unser Ziel ist es, eine drohende dauerhafte Beschädigung der vielfältigen Kunstlandschaft in Baden-Württemberg durch die Folgen der Corona-Pandemie zu verhindern“, sagte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski. Noch im November hatte sie gesagt: „Die aktuellen Schließungen stellen die gesellschaftliche Relevanz der Kultur nicht infrage.“ Der Beitrag aller Kulturschaffenden zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung lag 2018 übrigens bei 100,5 Milliarden Euro mit 1,5 Millionen Aktiven.

Baden-Württemberg stellt mindestens 200 Mio. Euro für die Corona-Hilfen im Bereich Kunst und Kultur zur Verfügung, laut Kunstministerin Theresia Bauer.

 

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